- Kommune
Jochen Noth in Kommune 1/09
Der Weg in die Städte
Interviews mit Arbeiterinnen aus den Konsumgüterfabriken Südchinas
Pun Ngai, Li Wanwei: Dagongmei, Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen, Assoziation A, Berlin, Hamburg, 18,00 €
Seit Beginn der Finanzkrise haben mehrere tausend Fabriken im chinesischen Perlflussdelta geschlossen, und Millionen von Arbeitern und Arbeiterinnen sind in ihre Dörfer im ganzen Land zurückgekehrt.
Die Mehrheit der Beschäftigten in den Industriezentren Südchinas, die die Welt mit billiger Kleidung und Elektronik versorgen, sind Frauen. Vor allem für sie bedeutet die erzwungene Heimkehr eine doppelte Katastrophe: Sie verlieren, oft ohne den Lohn für die letzten Monate bekommen zu haben, ihre Arbeit, von der sie nicht nur sich sondern oft auch ihre Familien alimentierten. Und sie kehren zurück in die Enge, die Armut und die patriarchalischen Verhältnisse auf dem Dorf, dem sie durch die Wanderung in die Sweatshops und Wohnkasernen der Provinz Guangdong entflohen sind.
In dem von einem anonymen Kollektiv beim Verlag Assoziation A auf Deutsch herausgegebene Band „Dagongmei, Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen“ von Pun Ngai und Li Wanwei berichten Wanderarbeiterinnen über die Gründe ihrer Wanderung, über ihr Leben in den neuen Boomstädten, ihre Arbeit und ihre Kämpfe in den Fabriken. Pun Ngai ist Hochschullehrerin, die sich mit der Herausbildung einer neuen Arbeiterbewegung in China beschäftigt. Sie hat 1995/96 sechs Monate als Fließbandarbeiterin in einer Elektronikfirma in Shenzhen gearbeitet. Li Wanwei ist Mitgründerin einer Selbsthilfeorganisation Hongkonger Arbeiterinnen. Sie hat 2001 das Interviewprojekt initiiert, das diesem Buch zugrunde liegt.
Pun und Li sind den Hongkonger Unternehmern über die Grenze in die Sonderwirtschaftszone Shenzhen und die neuen Industriestädte der Provinz Guangdong gefolgt, wo ein unbegrenzter Zufluss billiger Arbeitskraft, willfährige Verwaltungen und günstige Investitionsbedingungen in kürzester Zeit den weltweit größten Produktionsstandort für Konsumgüter entstehen ließen. Zu Beginn waren es die Berichte über die mörderischen Arbeitsbedingungen, die immer wieder zu Katastrophen wie dem Brand in einer Spielzeugfabrik in Shenzhen 1993 mit über 80 Toten führten, die die beiden Sozialwissenschaftlerinnen zu ihren Recherchen veranlassten.
Sie trafen dann aber nicht auf gefügige Opfer frühkapitalistischer Ausbeutung, als die die Arbeitsheere in den südchinesischen Konsumgüterindustrien in der internationalen Öffentlichkeit meist wahrgenommen werden, sondern auf selbstbewusste Frauen, die in der Regel aus eigener Initiative aus ihren Heimatdörfern aufgebrochen sind und in der neuen fremden städtischen Welt und unter dem harschen Fabrikregime lernen, ihre persönlichen und dann auch bald ihre kollektiven Rechte zu verteidigen.
dagong heißt jobben, arbeiten, mei heißt jüngere Schwester. Dagongmei sind Arbeiterinnen, die ihre Arbeitskraft auf dem mit den Wirtschaftsreformen entstandenen Arbeitsmarkt anbieten und nicht über die bürokratischen Mechanismen der staatssozialistischen Wirtschaft rekrutiert und beschäftigt werden.
Die zwölf langen Interviews, die in dem Band dokumentiert sind, beschäftigen sich in vier Abschnitten zunächst mit dem Verlassen der Dörfer, oft gegen den Willen der Familien („Die Heimat verlassen“), schildern dann Prozesse persönlicher Emanzipation („Selbst über die Heirat entscheiden“), die gesundheitsschädlichen, ja tödlichen Folgen der Arbeitsbedingungen in den sweatshops („Bittere Wanderarbeit“) und schließlich die vielfältigen Formen individuellen und kollektiven Widerstands, mit dem die Arbeiterinnen für eine Milderung der harschen Arbeitsbedingungen und die Einhaltung von Vorschriften des Arbeitsrechts kämpfen („Mit den Kämpfen gereift“). Das reicht von Akten des passiven Widerstandes und der Sabotage bis zu großen Streiks und Demonstrationen.
Obwohl sie voller persönlicher Erfahrungen sind und viele Details aus den Lebensumständen der Frauen berichten, kommen die Texte als etwas trockene Protokolle daher. Dafür wird man am Ende mit einem klugen, ja brillanten Essay von Pun Ngai belohnt. Darin analysiert sie aus der Beobachtung ihrer eigenen Fabrikzeit das gewaltsame Einpressen der ehemaligen Bäuerinnen in den Takt der Fließbandarbeit, die Veränderung der Zeiterfahrung, die Individualisierung durch radikale Arbeitsteilung und die Eingliederung in einen neuen, produktiven aber gänzlich von der kleinlichen und diktatorischen Reglementierung durch das Management bestimmten produktiven Organismus. Dieses Regime, in dem Arbeitstage von 14 bis 16 Stunden die Regel sind, wird ergänzt durch die Kasernierung in den Wohnheimen, in deren drangvoller Enge auch noch das Schlafen, die Nahrungsaufnahme, die persönliche Hygiene durch Verbote und Vorschriften kontrolliert werden sollen.
Trotz dieser entwürdigenden Umstände wollen die meisten Arbeiterinnen nicht oder nur unter von ihnen selbst gewählten Umständen in ihre Heimatdörfer zurück. Der Grund ist nicht einfach Armut oder Geldmangel, auch wenn ein großer Teil des Verdienstes in die Dörfer zurückfließt. Von mehreren der interviewten Frauen hören wir, dass sie aus durchaus auskömmlichen Verhältnissen stammen. Fast alle konnten die Mittelschule besuchen. Was sie in den Städten des Südens hält, ist die Erfahrung der persönlichen Wahlfreiheit im Konsum, des Arbeitsplatzes – hohe Fluktuation ist eines der Hauptprobleme der Fabriken –, der Entbindung von Kontrolle durch Familien und Dorfgemeinschaften, die Erfahrung von Solidarität über die Grenzen der gemeinsamen Herkunft hinweg, die Vision des sozialen Aufstiegs. Mehrere Frauen erzählen von ihren Fortbildungen und Berufswünschen.
Wenn in der europäischen Öffentlichkeit über die Chancen für die Herausbildung einer Zivilgesellschaft in China diskutiert wird, wird zu Recht auf die neuen Mittelschichten und deren Ansprüche auf kulturelle und persönliche Freiheiten verwiesen. Aber wie die neue Generation der Fabrikarbeiter, von denen das vorliegende Buch handelt, in vielerlei Hinsicht im Geschwindschritt den Weg nachvollzieht, den das Proletariat der heute hochindustrialisierten Länder im 19. und frühen 20. Jahrhundert gegangen ist, so weisen die neuen bürgerlichen Schichten im nachmaoistischen China die gleiche Ambivalenz auf, die auch z. B. die französische Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts kennzeichnete. Diese war Trägerin humanitärer Ideale und Vorkämpferin der Demokratie und chauvinistisch und reaktionär gegenüber den arbeitenden Klassen. Die schwachen und oft nur rhetorisch existenten Keimformen von Zivilgesellschaften in China werden erst an Gewicht gewinnen, wenn die kleinen und großen Kämpfe der Arbeiterinnen und Arbeiter zu einer Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen in den neuen Industriegebieten führen, wenn die vielfältiger werdendem gedruckten und elektronischen Medien diese Kämpfe aufgreifen und dazu beitragen, die oft im wörtlichen Sinne mörderischen Verhältnisse in Minen und auf Baustellen abzuschaffen und die Einhaltung rechtstaatlicher Normen durchzusetzen. Alle in dem Buch geschriebenen Kämpfe drehen sich um die Einhaltung der bestehenden Arbeits- und Arbeitsschutzgesetze: Die Frauen lernen, dass es Gesetze und Vorschriften gibt, die auch für die Fabrikherren gelten, und sie fordern sie ein, weil sie ihnen ein Mindestmaß an menschlicher Würde versprechen, Auslösung aus persönlicher Abhängigkeit und Willkür.
Im Perlflussdelta sind die in dem Buch von Pun Ngai und Li Wanwei dargestellten Verhältnisse vielleicht schon bald Geschichte und zwar nicht nur wegen der aktuellen Absatzkrise. Die chinesische Regierung will weg von der Wirtschaftsstruktur, in der die Region den billigen Jakob für die ganze Welt spielt. Die entwickelteren Gebiete im Osten Chinas sollen wissenschaftlich-technische Standorte eigenen Rechts werden und nicht nur Manufakturen für importierte Techniken. Dafür sind fordistisch organisierte Fabrikkasernen ungeeignet. Damit werden diese Produktionsstätten aber nur ins Landesinnere verlagert oder auch über die Grenzen, z.B. nach Vietnam. Für viele der bildungshungrigen Frauen bedeutet das vielleicht die Chance zu weiterer Emanzipation (und damit zu neuen Problemen), die sie wahrscheinlich besser wahrnehmen können als die Männer.

