225 Millionen WanderarbeiterInnen
schuften in China in den Weltmarktfabriken der Multis, in den
Sweatshops von chinesischen SubunternehmerInnen, in den Haushalten
von reichen ChinesInnen, auf dem Bau oder in den Karaokebars der
Rotlichtviertel in den chinesischen Megacities. Sie schaffen den
Reichtum für die in die Millionen gehende chinesische Oberklasse und
die Superprofite für die Global Players aus den USA, Japan und
Europa. Wer mehr über ihren Alltag, ihre Träume und ihren
Widerstand erfahren will, sollte das Buch "Aufbruch der zweiten
Generation" aufschlagen.
Das Buch geht der Frage nach, inwieweit
sich eine neue Arbeiterklasse seit der ersten großen
Privatisierungswelle chinesischer Staatsbetriebe herausgebildet hat
und wie sich die neuen Klassensubjekte organisieren. Die AutorInnen
entblättern dabei ein Kaleidoskop empirischer Untersuchungen der
Arbeitsbedingungen auf dem Hochbau, in der Automobil- und
Elektronikindustrie. Und sie untersuchen den Alltag und die
Arbeitsbedingungen der neuen Selbstständigen, der Haus- und
SexarbeiterInnen.
An der Klassenerfahrung von unten
angesetzt
Abgeschlossen wird das Buch mit einem
Überblick über die jüngste Streikwelle im Sommer 2010 und einer
theoretischen Abhandlung von Pun Ngai und Kwan Lee über den
Klassenbegriff in der Geschichte Chinas seit der Revolution 1949. In
der Zeit der Deng'schen Reformen in den 1990er Jahren verschwand der
Begriff "Arbeiterklasse" aus den Erklärungen der
Kommunistischen Partei. Nun war von "Schichten" die Rede.
Klassenkämpfe gab es nicht mehr. Stattdessen wurde unter Führung
der Partei die "harmonische Gesellschaft" aufgebaut. Doch
das "Gespenst der Arbeiterklasse" kehrte nach der
Jahrtausendwende in Gestalt der WanderarbeiterInnen zurück.
Die HerausgeberInnen Ngai und Lee
gehören zur neuen Generation von chinesischen
SozialwissenschaftlerInnen. Sie untersuchen seit mehreren Jahren die
neue Klassensubjektivität in China, wobei sie an der
Klassenerfahrung von unten ansetzen. Genau das macht Zeng Tiantian in
ihrer Untersuchung über die Arbeitsbedingungen in den Karaokebars in
Dalian, einer Küstenstadt in Nordchina.
Hinter den Mauern des Schweigens und
der staatlichen Heuchelei - unter anderem mit einer breit angelegten
Antipornografiekampagne - versteckt sich eine umfangreiche
Sexindustrie in den Karaokebars der Stadt. Sie zeichnet alles aus,
was wir auch aus den westlichen Ländern kennen: Ausbeutung,
Gewalterfahrungen, Menschhandel, Korruption der lokalen Behörden,
aber auch ein neues Selbstbewusstsein der Hostessen, die abseits der
gewalttätigen Barbesitzer unabhängige Beziehungen zu ihren
männlichen Kunden aufgebaut haben.
In einem weiteren Beitrag untersucht
Zhang Xiao die Folgen der Einführung des freien Arbeitsmarkts seit
den 1980er Jahren in der chinesischen Provinzmetropole Chongqing.
Dort arbeiten bis zu einer Million LastenträgerInnen, die
"Bangbang". Sie sind "freie", selbstständige
UnternehmerInnen und die Personifizierung des durch die Deng'schen
Reformen eingeführten Freiheitsbegriffs ("Ziyou") im Zuge
der vorherrschenden neoliberalen Ideologie der chinesischen KP.
Die "Bangbang" müssen sich
selbst um Arbeitsaufträge kümmern, bestimmen die Länge ihrer
Arbeitszeit und sind zumeist ländliche MigrationsarbeiterInnen, die
in der Provinzhauptstadt die Lasten aus dem engen Flusstal durch die
hügelige Stadt tragen. Obwohl die Arbeitsbedingungen knüppelhart
sind, schätzen viele der "Bangbang" ihre kleine "Ziyou".
Im Gegensatz zum ländlichen Leben können sie ihren Beruf frei
wählen und müssen nicht mehr den Anweisungen der Kader folgen.
Schikanöse Arbeits- und Lebensbedingen
Ganz anders und am japanischen Vorbild
ausgerichtet geht es zu in den chinesischen Automobilfabriken. Die
Untersuchung der Arbeits- und Produktionsbedingungen in sechs
Fabriken und die Darstellung der großen Streikwelle im letzten Jahr
rahmen das Buch ein. Das Fabrikregime orientiert sich in den Joint
Ventures mit japanischen Konzernen wie Honda und Toyota nach dem
toyotistischen Produktionsmodell. Die Just-in-time-Produktion wird
durch clusterförmig angesiedelte Zulieferbetriebe gewährleistet.Im Perlflussdelta in Südchina, das
viermal so groß ist wie das Ruhrgebiet, arbeiten 60 Millionen
ArbeiterInnen in der sich dort konzentrierenden Auto- und
Elektronikindustrie. Im letzten Jahr gab es dort eine umfassende und
für die ArbeiterInnen erfolgreiche Streikbewegung.
Auf einer Veranstaltung im Berliner
IG-Metall-Haus im Dezember erläuterte Ralf Ruckus, Mitherausgeber
des Buches, die Bedeutung der Streikwelle. Landesweites Gewicht hatte
der Arbeitskampf im Getriebewerk von Honda. Durch die enge
Just-in-time-Produktionskette brach als Folge auch in den anderen
Honda-Betrieben die Fertigung zusammen. Im Getriebewerk kämpften
Gelernte und Ungelernte, Stammbelegschaft und PraktikantInnen
vereint, was in China längst nicht immer der Fall ist.
Im Streik bei Honda ging es nicht
zuletzt um die Arbeitsbedingungen. Einen ähnlichen Hintergrund
hatten auch die von einer Selbstmordwelle begleiteten Proteste beim
Elektrokonzern Foxconn. Dort sind mehr als 400.000 Menschen
beschäftigt. Die Protestwelle richtete sich vor allem gegen die
schikanösen Arbeits- und Lebensbedingungen im Werk selbst und in den
auf dem Werksgelände errichteten Wohncontainern.
Die heute Streikenden sind laut Ruckus
die ArbeiterInnen der zweiten Generation, die wesentlich mehr auf das
Leben in den Städten fixiert sind als die erste Generation in den
1990er Jahren, die noch sehr stark vom Land geprägt war. Welche
Rolle die Staatsgewerkschaft in den zukünftigen Auseinandersetzungen
spielt und ob die KP eine weitere Selbstorganisierung der Klasse
überhaupt zulässt - das sind spannende Fragen, die sowohl im
IG-Metall-Haus heiß diskutiert wurden als auch im lesenswerten
Materialband über die Lage der Arbeiterklasse in China nachgelesen
werden können.
[Pun Ngai/Ching Kwan Lee (Hg.): Aufbruch der
zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung
in China. Verlag Assoziation A, Berlin 2010. 296 Seiten, 18 Euro]