Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

- ak

Hauke Benner in ak - zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 557 / 21.1.2011

Making of the Chinese Working Class

Die zweite Generation der WanderarbeiterInnen im Aufbruch

 

225 Millionen WanderarbeiterInnen schuften in China in den Weltmarktfabriken der Multis, in den Sweatshops von chinesischen SubunternehmerInnen, in den Haushalten von reichen ChinesInnen, auf dem Bau oder in den Karaokebars der Rotlichtviertel in den chinesischen Megacities. Sie schaffen den Reichtum für die in die Millionen gehende chinesische Oberklasse und die Superprofite für die Global Players aus den USA, Japan und Europa. Wer mehr über ihren Alltag, ihre Träume und ihren Widerstand erfahren will, sollte das Buch "Aufbruch der zweiten Generation" aufschlagen.

Das Buch geht der Frage nach, inwieweit sich eine neue Arbeiterklasse seit der ersten großen Privatisierungswelle chinesischer Staatsbetriebe herausgebildet hat und wie sich die neuen Klassensubjekte organisieren. Die AutorInnen entblättern dabei ein Kaleidoskop empirischer Untersuchungen der Arbeitsbedingungen auf dem Hochbau, in der Automobil- und Elektronikindustrie. Und sie untersuchen den Alltag und die Arbeitsbedingungen der neuen Selbstständigen, der Haus- und SexarbeiterInnen.

An der Klassenerfahrung von unten angesetzt

Abgeschlossen wird das Buch mit einem Überblick über die jüngste Streikwelle im Sommer 2010 und einer theoretischen Abhandlung von Pun Ngai und Kwan Lee über den Klassenbegriff in der Geschichte Chinas seit der Revolution 1949. In der Zeit der Deng'schen Reformen in den 1990er Jahren verschwand der Begriff "Arbeiterklasse" aus den Erklärungen der Kommunistischen Partei. Nun war von "Schichten" die Rede. Klassenkämpfe gab es nicht mehr. Stattdessen wurde unter Führung der Partei die "harmonische Gesellschaft" aufgebaut. Doch das "Gespenst der Arbeiterklasse" kehrte nach der Jahrtausendwende in Gestalt der WanderarbeiterInnen zurück.

Die HerausgeberInnen Ngai und Lee gehören zur neuen Generation von chinesischen SozialwissenschaftlerInnen. Sie untersuchen seit mehreren Jahren die neue Klassensubjektivität in China, wobei sie an der Klassenerfahrung von unten ansetzen. Genau das macht Zeng Tiantian in ihrer Untersuchung über die Arbeitsbedingungen in den Karaokebars in Dalian, einer Küstenstadt in Nordchina.

Hinter den Mauern des Schweigens und der staatlichen Heuchelei - unter anderem mit einer breit angelegten Antipornografiekampagne - versteckt sich eine umfangreiche Sexindustrie in den Karaokebars der Stadt. Sie zeichnet alles aus, was wir auch aus den westlichen Ländern kennen: Ausbeutung, Gewalterfahrungen, Menschhandel, Korruption der lokalen Behörden, aber auch ein neues Selbstbewusstsein der Hostessen, die abseits der gewalttätigen Barbesitzer unabhängige Beziehungen zu ihren männlichen Kunden aufgebaut haben.

In einem weiteren Beitrag untersucht Zhang Xiao die Folgen der Einführung des freien Arbeitsmarkts seit den 1980er Jahren in der chinesischen Provinzmetropole Chongqing. Dort arbeiten bis zu einer Million LastenträgerInnen, die "Bangbang". Sie sind "freie", selbstständige UnternehmerInnen und die Personifizierung des durch die Deng'schen Reformen eingeführten Freiheitsbegriffs ("Ziyou") im Zuge der vorherrschenden neoliberalen Ideologie der chinesischen KP.

Die "Bangbang" müssen sich selbst um Arbeitsaufträge kümmern, bestimmen die Länge ihrer Arbeitszeit und sind zumeist ländliche MigrationsarbeiterInnen, die in der Provinzhauptstadt die Lasten aus dem engen Flusstal durch die hügelige Stadt tragen. Obwohl die Arbeitsbedingungen knüppelhart sind, schätzen viele der "Bangbang" ihre kleine "Ziyou". Im Gegensatz zum ländlichen Leben können sie ihren Beruf frei wählen und müssen nicht mehr den Anweisungen der Kader folgen.

Schikanöse Arbeits- und Lebensbedingen

Ganz anders und am japanischen Vorbild ausgerichtet geht es zu in den chinesischen Automobilfabriken. Die Untersuchung der Arbeits- und Produktionsbedingungen in sechs Fabriken und die Darstellung der großen Streikwelle im letzten Jahr rahmen das Buch ein. Das Fabrikregime orientiert sich in den Joint Ventures mit japanischen Konzernen wie Honda und Toyota nach dem toyotistischen Produktionsmodell. Die Just-in-time-Produktion wird durch clusterförmig angesiedelte Zulieferbetriebe gewährleistet.Im Perlflussdelta in Südchina, das viermal so groß ist wie das Ruhrgebiet, arbeiten 60 Millionen ArbeiterInnen in der sich dort konzentrierenden Auto- und Elektronikindustrie. Im letzten Jahr gab es dort eine umfassende und für die ArbeiterInnen erfolgreiche Streikbewegung.

Auf einer Veranstaltung im Berliner IG-Metall-Haus im Dezember erläuterte Ralf Ruckus, Mitherausgeber des Buches, die Bedeutung der Streikwelle. Landesweites Gewicht hatte der Arbeitskampf im Getriebewerk von Honda. Durch die enge Just-in-time-Produktionskette brach als Folge auch in den anderen Honda-Betrieben die Fertigung zusammen. Im Getriebewerk kämpften Gelernte und Ungelernte, Stammbelegschaft und PraktikantInnen vereint, was in China längst nicht immer der Fall ist.

Im Streik bei Honda ging es nicht zuletzt um die Arbeitsbedingungen. Einen ähnlichen Hintergrund hatten auch die von einer Selbstmordwelle begleiteten Proteste beim Elektrokonzern Foxconn. Dort sind mehr als 400.000 Menschen beschäftigt. Die Protestwelle richtete sich vor allem gegen die schikanösen Arbeits- und Lebensbedingungen im Werk selbst und in den auf dem Werksgelände errichteten Wohncontainern.

Die heute Streikenden sind laut Ruckus die ArbeiterInnen der zweiten Generation, die wesentlich mehr auf das Leben in den Städten fixiert sind als die erste Generation in den 1990er Jahren, die noch sehr stark vom Land geprägt war. Welche Rolle die Staatsgewerkschaft in den zukünftigen Auseinandersetzungen spielt und ob die KP eine weitere Selbstorganisierung der Klasse überhaupt zulässt - das sind spannende Fragen, die sowohl im IG-Metall-Haus heiß diskutiert wurden als auch im lesenswerten Materialband über die Lage der Arbeiterklasse in China nachgelesen werden können.

[Pun Ngai/Ching Kwan Lee (Hg.): Aufbruch der zweiten Generation. Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China. Verlag Assoziation A, Berlin 2010. 296 Seiten, 18 Euro]

Artikelaktionen